»In diesem Moment rauschte der weiße Cadillac ins Bild: Von rechts nach links glitt das Ca­briolet – wie in einer Wischblende – lautlos durch sonnen­beschienene Stadtlandschaften, und mit diesem Bild kamen die Erinnerungen …« 



Burghard Schlicht liest aus :Im Augenblick der Freiheit
Ausschnitt aus dem Titelmotiv des Romans "Im Aigenblick der Freiheit" von Burghard Schlicht, Verlag Olga Grueber

Burghard Schlicht
Im Augenblick der Freiheit

Roman, 528 Seiten
Hardcover mit Lesebändchen
Preis: € 26,00
ISBN 978-3-00-065307-0

Foto: © Walter Hagenow

Im Augenblick der Freiheit

Leseprobe

Im Osten liegt unsere Zukunft, sagt er plötzlich wie vom Blitz getroffen, dort im Osten, obwohl ihm diese Aussage bisher noch nie sinnvoll erschienen ist. Eine Eingebung, eine neue Idee, kreativer Zauber! Das mit dem Osten. Warum Osten? Warum nicht Westen? Warum Zukunft und nicht Vergangen­heit? Er versucht in das Blau der Augen der Frau zu schauen, was nicht gelingt, weil diese Frau viel zu durchsichtig ist. Alles funkelt, alles glänzt, blitzende Sternchen blinken und strahlen, ein kleines bräun­liches Einsprengsel kann er im Blau ihrer Augen erkennen. Ex oriente lux, klingt erst mal banal, sagen wir mal, zumindest ziemlich bekannt, und doch steckt darin eine tiefer gehende Weisheit, findet Gottfried – und da ist natürlich eine unerbitt­liche Kritik des kapitalistisch-materialistischen Westens drin verborgen. Findet er. Kapitalis­­­­ti­scher Westen. Kommunistischer Osten. Alles klar?

»Und die Zukunft«, fragt sie, »liegt die Zukunft im Osten?« »Immerhin erscheint das Licht dort einen halben Tag früher«, sie lacht und betrachtet ihre schmalen kalten Finger, die sich an der Teetasse wärmen sollen. Gotische Hände, denkt Gottfried, gotische Hände hätte meine Mutter über diese Hände gesagt: spätgotisch – unvergesslicher Tilman Riemenschneider. Das Gespräch wärmt jetzt die beiden ebenso wie der auf rätselhafte Weise unentwegt dampfende Tee – ein wahres Dampfkraftwerk, dieser Kamillentee.